Foto: Photo-Vierlinger
Altötting kennt Menschenmengen von den großen Fußwallfahrten her. Doch über 7000 junge Pilger aus den USA sprengten am Mittwoch, 6. August das gewohnte Bild deutlich. So voll war Kapellplatz seit dem Besuch Papst Benedikt XVI. 2006 nicht mehr – ein in jeder Hinsicht beeindruckendes Glaubenszeugnis.
Es war, als wollten sie die biblischen „Mauern von Jericho“ abermals zum Einsturz bringen: Laut singend, mit Gitarren, Trommeln, Trompeten und den antiken Schofaren gleichen Hallposaunen zog seit dem Vormittag Gruppe um Gruppe auf dem zentralen Platz des Gnadenortes ein. Ordner geleiteten sie in die ihnen zugewiesenen Sektionen des durch Flatterband unterteilten Geländes. Überhaupt herrschte trotz des zunehmenden Gewimmels und der beeindruckenden Geräuschkulisse eine erstaunliche Disziplin unter den jungen Gästen aus Gemeinschaften („Familien“) des Neokatechumenalen Weges vorwiegend vom US-Festland, aber auch aus den entlegensten amerikanischen oder britischen Überseegebieten wie Guam, Bermuda oder den Turks- und Caicos-Inseln. Altötting war an diesem Tag fest in amerikanischer Hand – „America first“ einmal anders sozusagen.
Ausgesprochen freundlich und höflich bewegten sich die Teilnehmer durch die Wallfahrtsstadt, leisteten den Anweisungen von Sicherheitskräften und begleitenden Geistlichen Folge – und hinterließen den „Garten der Muttergottes“, wie Bürgermeister Stephan Antwerpen den Kapellplatz bei seiner Begrüßung nannte, am Abend vor der Abreise wieder blitzblank, inklusive ausgeräumter Mülleimer. Sogar der große Altar und die Stellwände wurden über Nacht wieder abgebaut, damit das „Internationale Forum“ der Gemeinschaft Emmanuel am Folgetag pünktlich starten konnte.
Erklärung: Neokatechumenaler Weg
Der „Neokatechumenale Weg“ zählt zu den sogenannten Neuen Geistlichen Gemeinschaften in der katholischen Kirche. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, getaufte Christen langfristig auf ihrem Glaubensweg zu begleiten und ihr religiöses Leben zu intensivieren. Das versuchen die Mitglieder durch geistliche Übungen sowie durch die Bildung fester Gruppen, die über einen Zeitraum von mindestens 15 Jahren bestehen. Der Name der Gemeinschaft lehnt sich an die Einführung von Taufbewerbern („Katechumenat“) in den christlichen Glauben an. Die Neokatechumenalen Gemeinschaften, oft Familien genannt, setzen sich nach eigenen Angaben zusammen aus Jugendlichen und Erwachsenen unterschiedlicher Herkunft und verschiedenen Alters, die ihren Glauben über viele Jahre hinweg vertiefen bzw. eine erstmalige Hinführung zum christlichen Glauben erfahren. Der Neokatechumenale Weg wurde 2008 durch Papst Benedikt XVI. durch Statuten kirchenrechtlich bestätigt. Die Neokatechumenalen Gemeinschaften seien heute mit etwa 1,5 Mio. Mitgliedern in allen Ländern der Welt vertreten und würden über 120 Priesterseminare unterhalten. In Deutschland gebe es zirka 90 Gemeinschaften in 33 Pfarreien in 15 deutschen Diözesen.
Disziplin und gute Organisation waren in der Tat gefordert, damit die Kreisstadt mit ihren gut 13.000 Einwohnern den Ansturm bewältigen konnte – zumal die Anfrage erst vor wenigen Monaten gekommen sei, wie die Sekretärin der Altöttinger Wallfahrtskustodie, Luise Hell, erklärte. Damals bekundeten die US-Verantwortlichen der geistlichen Gemeinschaft unter der Leitung von Pater Angelo Pochetti ihr Interesse, nach einer Teilnahme am Weltjungendtreffen mit Papst Leo XIV. auf der Heimreise noch der Gnadenmutter von Altötting ihre Aufwartung zu machen. In Rom hatten sich zirka 120.000 Mitglieder des Neokatechumenalen Weges versammelt, von denen ein guter Teil nun mit 172 Reisebussen ins Herz Bayerns strömte. Dass schließlich alles reibungslos ablief, war der engen und professionellen Zusammenarbeit zu verdanken: von Kapelladministration, Stadt – hier federführend Tourismusdirektorin Ulrike Kirnich – und Polizei. Letztere sicherte beispielsweise mit zeitweiligen Straßensperrungen den Pilgerstrom vom Dultplatz, wo die meisten Busse parkten, in die Innenstadt.
So geriet der Besuch am Gnadenort mit einem Freiluftgottesdienst bei strahlendem Sonnenschein für die jungen Katholiken aus Amerika zu einem eindrucksvollen Abschluss ihrer Pilgerreise, für die nicht wenige zuvor lange hatten sparen müssen. Die Altöttinger selbst waren überrascht und angetan von dem fröhlichen Glaubensfest in ihrer Stadt – Fenster öffneten sich rundum am Kapellplatz und viele Passanten blieben stehen, schauten sich das Treiben an, lauschten der Musik und nicht wenige kamen ins Gespräch mit einzelnen Teilnehmern. Einige folgten sogar dem Gottesdienst als Höhepunkt der Wallfahrt. Beeindruckend auch hier die Dimensionen: Dutzende Kelche mit Wein und ebenso viele Schalen mit Hostien reihten sich entlang der blumengeschmückten Ränder des Altars, zahlreiche Priester konzelebrierten und selbstredend hatte Altöttings Wallfahrtsrektor Klaus Metzl die Kopie des Gnadenbildes zur Altarbühne überführt, damit die Muttergottes stets bei den jungen Gläubigen präsent war. Auch Metzl zeigte sich bei seinen Begrüßungsworten begeistert: „Welcome in Altötting! Wir freuen uns, dass ihr alle nach dem Weltjugendtreffen in Rom, im Herzen der Kirche, nun in das Herz Bayerns seid – zu unserer Muttergottes, unserer Lieben Frau von Altötting. Nehmen Sie den Segen und die Freude mit, die auch Papst Benedikt hier von Kindesbeinen an immer wieder gefunden hat. Gott segne Sie und die Muttergottes halte immer schützend ihre Hände über euch!“
Text: Wolfgang Terhörst
Fotos: Roswitha Dorfner; Luftaufnahmen: Photo-Vierlinger