Glaube und Gemeinschaft

„America first“ in Altötting

Wolfgang Terhörst am 11.08.2025

Info Icon Foto: Photo-Vierlinger

Altötting kennt Menschenmengen von den großen Fußwallfahrten her. Doch über 7000 junge Pilger aus den USA sprengten am Mittwoch, 6. August das gewohnte Bild deutlich. So voll war Kapellplatz seit dem Besuch Papst Benedikt XVI. 2006 nicht mehr – ein in jeder Hinsicht beeindruckendes Glaubenszeugnis.

Es war, als woll­ten sie die bibli­schen Mau­ern von Jeri­cho“ aber­mals zum Ein­sturz brin­gen: Laut sin­gend, mit Gitar­ren, Trom­meln, Trom­pe­ten und den anti­ken Schofa­ren glei­chen Hall­po­sau­nen zog seit dem Vor­mit­tag Grup­pe um Grup­pe auf dem zen­tra­len Platz des Gna­den­or­tes ein. Ord­ner gelei­te­ten sie in die ihnen zuge­wie­se­nen Sek­tio­nen des durch Flat­ter­band unter­teil­ten Gelän­des. Über­haupt herrsch­te trotz des zuneh­men­den Gewim­mels und der beein­dru­cken­den Geräusch­ku­lis­se eine erstaun­li­che Dis­zi­plin unter den jun­gen Gäs­ten aus Gemein­schaf­ten („Fami­li­en“) des Neo­ka­techu­me­na­len Weges vor­wie­gend vom US-Fest­land, aber auch aus den ent­le­gens­ten ame­ri­ka­ni­schen oder bri­ti­schen Über­see­ge­bie­ten wie Guam, Ber­mu­da oder den Turks- und Cai­cos-Inseln. Alt­öt­ting war an die­sem Tag fest in ame­ri­ka­ni­scher Hand – Ame­ri­ca first“ ein­mal anders sozusagen. 

Aus­ge­spro­chen freund­lich und höf­lich beweg­ten sich die Teil­neh­mer durch die Wall­fahrts­stadt, leis­te­ten den Anwei­sun­gen von Sicher­heits­kräf­ten und beglei­ten­den Geist­li­chen Fol­ge – und hin­ter­lie­ßen den Gar­ten der Mut­ter­got­tes“, wie Bür­ger­meis­ter Ste­phan Ant­wer­pen den Kapell­platz bei sei­ner Begrü­ßung nann­te, am Abend vor der Abrei­se wie­der blitz­blank, inklu­si­ve aus­ge­räum­ter Müll­ei­mer. Sogar der gro­ße Altar und die Stell­wän­de wur­den über Nacht wie­der abge­baut, damit das Inter­na­tio­na­le Forum“ der Gemein­schaft Emma­nu­el am Fol­ge­tag pünkt­lich star­ten konnte.

Erklärung: Neokatechumenaler Weg

Der Neo­ka­techu­me­na­le Weg“ zählt zu den soge­nann­ten Neu­en Geist­li­chen Gemein­schaf­ten in der katho­li­schen Kir­che. Er hat es sich zur Auf­ga­be gemacht, getauf­te Chris­ten lang­fris­tig auf ihrem Glau­bens­weg zu beglei­ten und ihr reli­giö­ses Leben zu inten­si­vie­ren. Das ver­su­chen die Mit­glie­der durch geist­li­che Übun­gen sowie durch die Bil­dung fes­ter Grup­pen, die über einen Zeit­raum von min­des­tens 15 Jah­ren bestehen. Der Name der Gemein­schaft lehnt sich an die Ein­füh­rung von Tauf­be­wer­bern („Katechu­me­nat“) in den christ­li­chen Glau­ben an. Die Neo­ka­techu­me­na­len Gemein­schaf­ten, oft Fami­li­en genannt, set­zen sich nach eige­nen Anga­ben zusam­men aus Jugend­li­chen und Erwach­se­nen unter­schied­li­cher Her­kunft und ver­schie­de­nen Alters, die ihren Glau­ben über vie­le Jah­re hin­weg ver­tie­fen bzw. eine erst­ma­li­ge Hin­füh­rung zum christ­li­chen Glau­ben erfah­ren. Der Neo­ka­techu­me­na­le Weg wur­de 2008 durch Papst Bene­dikt XVI. durch Sta­tu­ten kir­chen­recht­lich bestä­tigt. Die Neo­ka­techu­me­na­len Gemein­schaf­ten sei­en heu­te mit etwa 1,5 Mio. Mit­glie­dern in allen Län­dern der Welt ver­tre­ten und wür­den über 120 Pries­ter­se­mi­na­re unter­hal­ten. In Deutsch­land gebe es zir­ka 90 Gemein­schaf­ten in 33 Pfar­rei­en in 15 deut­schen Diözesen.

Dis­zi­plin und gute Orga­ni­sa­ti­on waren in der Tat gefor­dert, damit die Kreis­stadt mit ihren gut 13.000 Ein­woh­nern den Ansturm bewäl­ti­gen konn­te – zumal die Anfra­ge erst vor weni­gen Mona­ten gekom­men sei, wie die Sekre­tä­rin der Alt­öt­tin­ger Wall­fahrts­kus­to­die, Lui­se Hell, erklär­te. Damals bekun­de­ten die US-Ver­ant­wort­li­chen der geist­li­chen Gemein­schaft unter der Lei­tung von Pater Ange­lo Pochet­ti ihr Inter­es­se, nach einer Teil­nah­me am Welt­jun­gen­d­tref­fen mit Papst Leo XIV. auf der Heim­rei­se noch der Gna­den­mut­ter von Alt­öt­ting ihre Auf­war­tung zu machen. In Rom hat­ten sich zir­ka 120.000 Mit­glie­der des Neo­ka­techu­me­na­len Weges ver­sam­melt, von denen ein guter Teil nun mit 172 Rei­se­bus­sen ins Herz Bay­erns ström­te. Dass schließ­lich alles rei­bungs­los ablief, war der engen und pro­fes­sio­nel­len Zusam­men­ar­beit zu ver­dan­ken: von Kapel­lad­mi­nis­tra­ti­on, Stadt – hier feder­füh­rend Tou­ris­mus­di­rek­to­rin Ulri­ke Kir­nich – und Poli­zei. Letz­te­re sicher­te bei­spiels­wei­se mit zeit­wei­li­gen Stra­ßen­sper­run­gen den Pil­ger­strom vom Dult­platz, wo die meis­ten Bus­se park­ten, in die Innenstadt. 

So geriet der Besuch am Gna­den­ort mit einem Frei­luft­got­tes­dienst bei strah­len­dem Son­nen­schein für die jun­gen Katho­li­ken aus Ame­ri­ka zu einem ein­drucks­vol­len Abschluss ihrer Pil­ger­rei­se, für die nicht weni­ge zuvor lan­ge hat­ten spa­ren müs­sen. Die Alt­öt­tin­ger selbst waren über­rascht und ange­tan von dem fröh­li­chen Glau­bens­fest in ihrer Stadt – Fens­ter öff­ne­ten sich rund­um am Kapell­platz und vie­le Pas­san­ten blie­ben ste­hen, schau­ten sich das Trei­ben an, lausch­ten der Musik und nicht weni­ge kamen ins Gespräch mit ein­zel­nen Teil­neh­mern. Eini­ge folg­ten sogar dem Got­tes­dienst als Höhe­punkt der Wall­fahrt. Beein­dru­ckend auch hier die Dimen­sio­nen: Dut­zen­de Kel­che mit Wein und eben­so vie­le Scha­len mit Hos­ti­en reih­ten sich ent­lang der blu­men­ge­schmück­ten Rän­der des Altars, zahl­rei­che Pries­ter kon­ze­le­brier­ten und selbst­re­dend hat­te Alt­öt­tings Wall­fahrts­rek­tor Klaus Metzl die Kopie des Gna­den­bil­des zur Altar­büh­ne über­führt, damit die Mut­ter­got­tes stets bei den jun­gen Gläu­bi­gen prä­sent war. Auch Metzl zeig­te sich bei sei­nen Begrü­ßungs­wor­ten begeis­tert: Wel­co­me in Alt­öt­ting! Wir freu­en uns, dass ihr alle nach dem Welt­ju­gend­tref­fen in Rom, im Her­zen der Kir­che, nun in das Herz Bay­erns seid – zu unse­rer Mut­ter­got­tes, unse­rer Lie­ben Frau von Alt­öt­ting. Neh­men Sie den Segen und die Freu­de mit, die auch Papst Bene­dikt hier von Kin­des­bei­nen an immer wie­der gefun­den hat. Gott seg­ne Sie und die Mut­ter­got­tes hal­te immer schüt­zend ihre Hän­de über euch!“

Text: Wolf­gang Ter­hörst
Fotos: Ros­wi­tha Dorf­ner; Luft­auf­nah­men: Photo-Vierlinger

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