Zum Wallfahrts-Motto 2026
Transitus – Übergang
In der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober 1226 – also vor 800 Jahren – verstarb der heiligen Franziskus im Kreise seiner Brüder. Aus diesem Anlass haben wir als Wallfahrtsmotto für das Wallfahrtsjahr 2026 den lateinischen Begriff – transitus – gewählt, der so viel wie – Übergang – Durchgang – Hinübergehen – besagt. Denn mit dem Wort – transitus – wird das Hinscheiden des heiligen Franziskus nicht als ein nüchternes Aus und Vorbei, sondern als ein Übergang – ein Hinübergehen – in eine neue Wirklichkeit beschrieben. So feiert die franziskanische Ordensfamilie jedes Jahr am Vorabend des Gedenktages des heiligen Franziskus seinen Transitus. Diese Feier ist mehr als nur eine Erinnerung an den Tod des Heiligen. Sie ist eine Feier seiner Lebens-Übergänge und eine Erinnerung daran, dass wir Christen den Tod vor allem als einen Übergang in die himmlische Herrlichkeit zu Gott, dem Vater, verstehen. Der Transitus ist also eine Feier der Hoffnung und der Freude. Sie gibt uns im Blick auf das Leben und Wirken des Heiligen Franziskus Gelegenheit, uns an seine Berufungsgeschichte und Ganzhingabe für die Erneuerung des christlichen Glaubens zu erinnern. Was also steckt hinter diesem Begriff: Tranistus?
Im VIII. Kapitel der Vita I des Thomas von Celano, das überschrieben ist mit: Was Franziskus tat und sagte bei seinem glücklichen Hinscheiden – wird berichtet, dass sich Franziskus zuletzt das Evangelienbuch bringen ließ und bat, man möge ihm das Evangelium nach Johannes vorlesen von der Stelle an, wo es heißt: „Sechs Tage vor Ostern, da Jesus wusste, dass für ihn die Stunde gekommen sei, aus dieser Welt zum Vater hinüber zu gehen …“ Franziskus will in seinem Sterben – wie er es schon in seinem Leben getan hat – ganz und gar seinem Herrn Jesus Christus ähnlich werden, der – wie der Apostel Paulus sagt – als der Erste der Entschlafenen auferweckt worden ist (1 Kor 15,29) und damit für uns alle, die wir an seinen Namen glauben, zum Urheber des ewigen Heiles geworden ist (Hebr 5,9).
Darauf – so heißt es im Bericht des Thomas von Celano weiter – ließ sich der Heilige (nackt) auf ein Zilizium (Büßerhemd) legen und mit Asche bestreuen, da er ja bald Staub und Asche werden sollte.1
Nudus nudum Christum sequi – Nackt dem nackten Christus nachfolgen – lautet daher der Grundsatz der mittelalterlichen Armutsbewegung. Dieses Wort bezieht sich auf den seiner Kleider beraubten Christus, der nackt am Kreuz hing, um uns zu erlösen. Der Herr leidet für die Knechte. Als unser Freund gibt er sein Leben für uns dahin, damit unsere Freude vollkommen wird (Joh 15,11−13).
Im franziskanischen Grund-Wort: nudus nudum Christum sequi – leuchtet aber auch die Haltung des geschundenen Ijob durch, der nach dem Verlust seines Reichtums, und nachdem er seine Kleider zerrissen hatte, ausrief: Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter; nackt kehre ich dahin zurück. Der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen; gelobt sei der Name des HERRN (Ijob 1,21) und Ijob streute Asche als Zeichen der Vergänglichkeit und der Reinigung auf sein Haupt.
Genau 20 Jahre vor seinem Tod – so berichtet Thomas von Celano2 – hat sich der damals wohl gerade erst 24-jährige Franziskus vor dem Bischof von Assisi – wie er schreibt: enteignet, das heißt: sich all seines Besitzes entledigt – so auch seiner Kleider, seines letzten Hemdes. Nackt hat er seinen Eltern und der ganzen Welt-Öffentlichkeit seinen unerschütterlichen Willen zu radikaler Christus-Nachfolge kundgetan: Nudus nudum Christum sequi – Nackt dem nackten Christus nachfolgen.
Mit transitus wird also der Kern unseres Pilgerns, ja unseres Lebens, auf den Punkt gebracht: Es geht in unserer Christus-Nachfolge letztendlich darum, Christus immer ähnlicher zu werden, um den Übergang, aus dieser Welt in die Herrlichkeit des Himmels bestehen zu können. Es geht um nichts Geringeres als um das ewige Leben. Das Wallfahrten ist dafür ein sinnenfälliges Zeichen, denn in der Anstrengung, in der Entsagung jeglicher Bequemlichkeit, im Aufbrechen aus dem Gewohnten, im Zurücklassen der Heimat und der Lieben, in der Einfachheit der Bewegung und in der Gemeinschaft der Pilgernden bei Sturm, Wind, Regen und Sonne, wird unser Exodus, unser Auszug, unser Transitus, aus der Welt gleichsam vorweggenommen und eingeübt. Denn eines ist sicher: Mitnehmen kann am Ende seines Lebensweges niemand auch nur irgendetwas.
Im Hinblick auf den Erlösertod Jesu Christi am Kreuz singt daher die Kirche im Hymnus der Fastenzeit:
Lass uns, o Herr, mit Geist und Leib
das Werk der Buße freudig tun,
dass wir den Übergang bestehn
zum Pascha, das kein Ende kennt.
Ja, dieses Ziel unserer irdischen Pilgerschaft durch die Welt wollen wir erreichen: Das Fest, das kein Ende kennt, und das Gott all denen bereiten wird, die ihn – wie Maria, der heilige Franziskus, der heilige Bruder Konrad und viele andere mehr – von ganzem Herzen lieben. Also machen wir uns wieder auf den Weg. Üben wir uns auf unseren Wallfahrten in den Transitus unseres Lebens ein. Nur Mut! Habt keine Angst! Unsere Zukunft und unser Pilger-Ziel heißt Leben und Freude in Fülle!
Ihr Wallfahrtsrektor
Dr. Klaus Metzl